Worst-Case-Szenario: wie wir im tibetischen Hochland Chinas FAST ein Musikfestival besuchten
3700 Meter über dem Meer. Weniger als zehn Grad.
Seit sechs Stunden liefen wir durch den strömenden Regen. Sechzehn Kilometer lagen hinter uns.
Meine Fingerspitzen waren vom Wasser weiss und schrumpelig geworden. Schuhe und Socken waren längst durchnässt. Bei jedem Schritt gab es unter meinen Sohlen ein schmatzendes Geräusch. Die Kälte steckte nicht mehr nur in den Kleidern. Sie schien bis in die Knochen gekrochen zu sein.
Wer Betriebswirtschaft studiert hat, kennt selbstverständlich die Szenarioanalyse: Best Case, Base Case, Worst Case. Besonders in der Schweiz, wo Sicherheit, Vorbereitung und Risikokontrolle beinahe zur nationalen DNA gehören, lernt man früh, sich zu fragen:
Was kann schlimmstenfalls passieren?
Szenarioanalyse
Ein paar Monate zuvor erfuhr ich bei der Planung unserer Familienreise vom Tagong-Musikfestival in der tibetischen Autonomen Präfektur Garzê in Sichuan.
Eine Bühne mitten im Grasland. Schneebedeckte Berge im Hintergrund. Tibetische Kultur und Indie-Bands.
Es klang wie ein Traum.

Und ausgerechnet während unserer Reise durch die Region sollte das Festival stattfinden. Natürlich wollte ich hin.
Sobald das Datum offiziell feststand, stellte ich einen Wecker und reservierte eine Unterkunft. Weil meine Eltern erst später zugesagt hatten, mussten sie in einem anderen, etwas näher gelegenen Hotel übernachten.
Nur die Tickets verpasste ich irgendwie. Als ich wieder daran dachte, waren sie längst ausverkauft.
Also machten wir eine Szenarioanalyse.
Im besten Fall würden wir bei Sonnenschein durch das Grasland wandern, Murmeltiere beobachten und vor schneebedeckten Bergen spontan ein paar Tickets von Festivalgästen übernehmen, die kurzfristig verhindert waren.
Im schlimmsten Fall würde das Wetter nicht mitspielen. Dann müssten wir im Regen zu unseren Unterkünften laufen und stünden am Ende trotzdem ohne Tickets da.
Aber auch dafür schienen wir vorbereitet.
Wir reisten zu fünft: mein Mann und ich, unser siebenjähriger Sohn und meine Eltern, beide über sechzig. Meine Eltern mussten bis zu ihrem Hotel nur zehn Kilometer zurücklegen, wir anderen sechzehn. Ausserdem waren wir bereits seit einigen Tagen im Hochland. An die Höhe müssten wir uns inzwischen gewöhnt haben.
Zur Not könnten wir über das Hotel ein Auto organisieren. Regenschirme und Regenjacken hatten wir ebenfalls dabei.
Voilà. Gut geplant.
Was sollte schon schiefgehen?
Schlimmer als der Worst Case
Es kam schlimmer.
Als ich am Morgen aufwachte, hörte ich den Regen, noch bevor ich die Augen öffnete.
Scheisse. Worst Case.
Aber vielleicht würde es bald aufhören. Ich blieb optimistisch. Zumindest bis zum Frühstück.
Dort erfuhren wir, dass es meinem Vater nicht besser ging. Schon am Vorabend hatte er sich wegen der Höhe unwohl gefühlt. Nun war klar: Er wollte und konnte nicht mehr zu Fuss weitergehen.
Das Hotel zögerte, für meine Eltern ein Auto zu organisieren. Wegen des erwarteten Staus wollte kaum jemand die Strecke fahren. Wir mussten den Besitzer beinahe anflehen, bis er schliesslich einen lokalen Fahrer fand.
Der verlangte einen stolzen Preis. Aber Geld war in diesem Moment unser kleinstes Problem.
Meine Eltern fuhren mit dem Auto zu ihrem Hotel. Mein Mann, unser siebenjähriger Sohn und ich hielten an unserem Plan fest und gingen zu Fuss weiter.
Schliesslich waren wir nicht nur wegen des Festivals hier. Die schönste Landschaft, so hatten wir uns gesagt, lag auf dem Weg – nicht am Ziel.
Dann begann der Fussmarsch.
Nach dem ganzen Hin und Her am Morgen war unsere Stimmung allerdings schon beim Start nicht besonders gut.
Eigentlich war die Strecke einfach. Es gab nur einen Weg, er war flach und asphaltiert. Verlaufen konnte man sich kaum.
Auf der Hauptstrasse staute sich der Verkehr über Stunden. Aber auch auf unserer Nebenstrasse kam beinahe jede Minute ein Auto vorbei. Manche Fahrer wurden langsamer, wenn sie uns sahen. Andere fuhren so entschlossen durch die Pfützen, als gehörte das Bespritzen von Fussgängern offiziell zum Festivalprogramm.

Je länger der Stau dauerte, desto unruhiger wurden die Menschen. Immer häufiger wurde gehupt. Einheimische Motorradfahrer schlängelten sich in beide Richtungen durch die stehende Autoschlange. Sie sammelten diejenigen ein, die für die letzten Kilometer endgültig die Geduld verloren hatten.

Von den schneebedeckten Bergen war nichts zu sehen. Wolken und Nebel hatten alles verschluckt.
Als wäre das nicht genug, stritt ich mich mit meiner Familie.
Ein vorbeifahrendes Auto spritzte meinen Sohn mit Wasser voll. Ich musste im falschen Moment lachen. Er fing an zu weinen.
Mein Mann sagte nichts.
Sein Blick sagte genug.
Sechzehn Kilometer durch den Regen.
Erwartet hatte ich Sonne, schneebedeckte Berge, Musik und endloses Grasland.
Bekommen hatte ich Matsch, Dreck, Nässe, Kälte, Müdigkeit und schlechte Laune.
Und an Letzterer war ich nicht ganz unschuldig.
Ein Feuer auf 3700 Metern
Als wir endlich unsere Unterkunft erreichten und eine Tür aufstiessen, schlug uns trockene Wärme entgegen.
In der Mitte des Zimmers brannte ein Feuer. Auf dem Herd blubberte tibetischer Tee, während Flammen sanft an der Unterseite des Topfes leckten. Befeuert wurde die Feuerstelle mit getrockneten Dungfladen.

Unsere Brillengläser beschlugen augenblicklich. Feine Tropfen bildeten sich darauf, als würde es nun auch auf der Innenseite regnen.
«Ein Feuer!», rief ich.
Erst dann bemerkte ich, dass der Raum voller Menschen war.
Alle drehten gleichzeitig die Köpfe zu uns. Jemand rückte auf einer Bank zur Seite und machte uns Platz. Ein anderer sagte nichts und reichte uns einfach eine Tasse heissen Tee.
Nach ein paar Schlucken und nachdem mehrere Dungfladen nachgelegt worden waren, kehrte langsam Wärme in unsere Körper zurück. Erst jetzt sahen wir uns genauer um.
Einige assen schweigend Nudeln. Jemand lag mit Höhenkrankheit auf einer Liege. In einer Ecke schlief ein fest eingewickeltes Baby.
Der Empfang in den Bergen war schlecht, auf den Telefonen gab es wenig zu sehen. Deshalb war es ungewöhnlich still. Nur das Feuer knackte in der Stille. Die Gesichter um uns herum wirkten ernst.
Alle waren von weit her angereist und über Berge und durch Täler gekommen, nur um ausgerechnet auf dieses Wetter zu treffen. Niemand wusste, wie es weitergehen würde.
Abgesagt.
Da öffnete sich erneut die Tür.
Mit dem Neuankömmling drang eine Wolke kalter Luft ins Zimmer. Er schüttelte den Regen von seiner Jacke und sagte:«Das Musikfestival wurde abgesagt. Angeblich kann man die Tickets zurückgeben.»
Der Satz wirkte wie ein Schalter.
Der Raum, in dem lange kaum jemand gesprochen hatte, erwachte schlagartig zum Leben. Einige seufzten. Andere beschwerten sich oder wollten wissen, wie die Rückerstattung funktionieren sollte. Wieder andere begannen sofort zu überlegen, was sie nun tun würden.
Eben hatte kaum jemand gesprochen. Nun redeten alle durcheinander.
Wir drängten uns um die Feuerstelle und tranken heissen Tee. Draussen fiel unaufhörlich der Regen.
Das Festival sollte also einfach nicht stattfinden.
Zum ersten Mal waren wir froh, keine Tickets bekommen zu haben.
«Wenn ich das gewusst hätte, wäre ich gar nicht erst gekommen», sagte jemand halb im Scherz.
«Jetzt sind wir schon hier», antwortete eine Stimme von der anderen Seite. «Was sollen wir machen?»
Ein paar Menschen lachten. Nicht besonders laut, aber es genügte, um die Schwere aus dem Raum zu vertreiben.
Bald fragten alle einander, woher sie kamen.
Aus Chengdu. Chongqing. Hunan.
Manche waren zwei Tage lang unterwegs gewesen, andere mehrmals umgestiegen. Menschen, die einander vor wenigen Minuten noch völlig fremd gewesen waren, hatten plötzlich etwas gemeinsam: den Regen, das Feuer und ein abgesagtes Musikfestival.
Die ersten zogen ihre Schuhe aus und stellten sie zum Trocknen an die Feuerstelle. Bald vermischte sich ein schwer zu beschreibender Geruch mit dem Duft des Tees und dem Rauch des Brennmaterials.
Der Regen trommelte dicht und gleichmässig auf das Dach. Aus den Schuhen und Socken stieg weisser Dampf auf. Das eingewickelte Baby in der Ecke drehte sich einmal um und schlief weiter.
Doch nicht.
Gegen Abend wurde der Regen endlich schwächer.
Aus dem Wolkenbruch wurde ein gleichmässiges Prasseln, dann ein Nieseln. Das Wasser, das zuvor in geschlossenen Linien von der Dachkante gefallen war, löste sich in einzelne Tropfen auf. Noch immer hingen Wolken zwischen den Bergen, aber der Himmel schien heller zu werden.

Kurz darauf kam eine neue Nachricht:
Das Musikfestival fand doch statt.
Wieder erwachte der Raum zum Leben.
Diejenigen, die gerade noch gesagt hatten, sie wären besser zu Hause geblieben, zogen ihre halbwegs getrockneten Schuhe an und packten ihre Sachen zusammen. Jacken wurden bis zum Kinn geschlossen. In kleinen Gruppen drängten die Menschen durch die Tür und machten sich auf den Weg zum Festivalgelände.
Jedes Mal, wenn sich die Tür öffnete, fegte kalte Luft herein.
Und jedes Mal blieben ein paar Menschen weniger zurück.
Bald war das Zimmer, das eben noch überfüllt gewesen war, beinahe leer.
Das Feuer brannte weiter.
Auch der Tee war noch heiss.
Das Feuer war näher
Eigentlich hätten wir nun ebenfalls zum Festival gehen können. Einige Ticketbesitzer hatten wegen des Wetters abgesagt oder es gar nicht bis hierher geschafft. Plötzlich waren wieder Karten erhältlich.
Nach diesem endlosen Tag hätte es nur logisch gewirkt, noch ein Ticket zu kaufen und hineinzugehen.
Doch wir blieben am Feuer sitzen.
Niemand von uns stand auf.
Vielleicht waren wir einfach zu müde. Vielleicht hatten wir genug vom Regen. Oder vielleicht wollten wir in diesem Moment plötzlich gar nicht mehr zum Festival.
Während die anderen zur Musik aufbrachen, streckten wir die Hände näher ans Feuer. Wir tranken eine Tasse Tee nach der anderen. Wenn das Brennmaterial in sich zusammensank, legten wir ein paar neue Stücke nach.
Draussen entfernten sich die Stimmen.
Das Festival musste inzwischen begonnen haben.
Durch den Nebel drang ein undeutliches Geräusch zu uns herüber. Vielleicht war es Musik, vielleicht nur die Menge.
Sechs Stunden und sechzehn Kilometer waren wir unterwegs gewesen, um dieses Festival zu besuchen. Nun sassen wir auf 3700 Metern Höhe an einem Feuer und wollten nirgendwohin.
Ich streckte die Hände näher an die Flammen.
Ach, egal.
Wir blieben beim Feuer.



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