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Ich möchte nicht in Peking sterben

  • Autorenbild: Yuan Qin
    Yuan Qin
  • vor 6 Tagen
  • 8 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 13 Stunden



1


Ich habe noch nie erlebt, dass so viele Schweizer im Berner Oberland — Menschen, die sich gegenseitig gar nicht kennen — in einer Lesung so oft, so laut und so offen lachen können.


Per Zufall landete ich bei einer Lesung von Elke Heidenreich. Ich kannte sie vorher nicht. Ich hatte nie etwas von ihr gelesen oder gehört.


Sie las ausgewählte Geschichten aus ihren Büchern: über Weltreisen, über Freunde, über Begegnungen. Begleitet wurde sie von Live-Klaviermusik. Sie las schnell, humorvoll, sarkastisch, direkt. Und immer wieder, wenn die Musik einsetzte, liess sie dieses kurze, helle, erstaunlich kräftige „joh!“ hören — so voll Stimme und Leben, dass ich ihr Alter völlig vergass. Es ist wirklich fast ärgerlich: Diese Frau ist 83, hat sogar eine Lungenoperation hinter sich, und trotzdem wirkt sie energischer als die meisten Menschen im Raum. Wäre sie Schweizerin, dachte ich kurz, wäre sie wahrscheinlich eine ausgezeichnete Jodlerin geworden.


Ich verstand vielleicht siebzig Prozent — aber das reichte vollkommen.


Elke Heidenreich „Ihre glücklichen Augen – Kurze Geschichten zu weiten Reisen“
Elke Heidenreich „Ihre glücklichen Augen – Kurze Geschichten zu weiten Reisen“

Nach der Lesung gab es eine Signierstunde. Ich kaufte ihr Buch „Ihre glücklichen Augen – Kurze Geschichten zu weiten Reisen“. Als der Bücherstapel auf dem Tisch langsam kleiner wurde, ging ich zu ihr und bat um eine Signatur.


Sie fragte mich:

„Woher kommst du?“

„Aus China.“

Dann sagte sie:

„Du musst meine Peking-Geschichte lesen.“


Also las ich Elke Heidenreichs Peking-Geschichte.


2

 

Darin schreibt sie:

„Ich möchte nicht in Peking sterben. In Peking möchte ich nicht mal leben.“

Ich glaube, Peking gefällt Elke nicht besonders.


Sie schreibt über die Verbotene Stadt, über «enge vermüllte» Hutongs, und über ein deutsches Hofbräuhaus in Peking. Peking wirkt bei ihr streng, überfüllt und voller Kontrolle. Selbst die Verbotene Stadt findet sie langweilig. Und als sie erwähnt, dass man dort nicht barfuss laufen darf, klingt sie fast ein wenig genervt.


Peking liegt im Zentrum des Reichs der Mitte.
Peking liegt im Zentrum des Reichs der Mitte.

Seltsamerweise fühlte ich mich davon gar nicht beleidigt.


Denn vor vielen Jahren hätte ich Peking wahrscheinlich ganz ähnlich beschrieben.

Peking war nie meine erste Wahl. Nicht zum Studieren, nicht zum Arbeiten. Obwohl es die Hauptstadt Chinas ist. Vielleicht gerade deswegen.


Hätte es damals schon soziale Medien gegeben, hätte ich Peking vermutlich diese Hashtags gegeben: # kalt # smog # hukou # macht # hierarchie # arroganz # langweilig


2009 war ich zum ersten Mal in Peking. Für einen Studentenaustausch an der Peking-Universität.


Wir waren ungefähr dreissig Studierende Anfang zwanzig aus verschiedenen Ländern und Städten der Asien-Pazifik-Region. Obwohl ich aus Festlandchina komme, nahm ich als Delegierte aus Macau teil, weil ich dort studierte.


Damals war Peking noch voller Spuren der Olympischen Spiele.

„Unsere Tür steht immer offen. Peking heisst dich willkommen.“

Dieses Lied hörte man damals überall. Die Stadt wirkte, als hätte sie gerade erst eine riesige Aufführung beendet und würde noch immer in ihrer Euphorie weiterleben.


Worum es bei unserem Austauschprogramm eigentlich ging, weiss ich heute nicht mehr. Wahrscheinlich war es von Anfang an auch gar nicht so wichtig. Es ging mehr um Begegnungen als um Inhalte.


Wir waren jung. Jung genug, um schnell Freundschaften zu schliessen, schnell neugierig aufeinander zu werden und manchmal vielleicht auch ein bisschen ineinander verliebt.


Dazu kam dieses typische studentische Ego Anfang zwanzig — und das Gefühl, dass die Welt plötzlich grösser geworden war.


Wir bewegten uns wie klassische Lehrbuchtouristen zwischen Bird’s Nest und Verbotener Stadt. Wir assen Zhajiangmian und Pekingente.


Pekingente
Pekingente

Einer aus unserer Gruppe, ein Amerikaner, wollte besonders mutig sein und kaufte in der Wangfujing Street tatsächlich gegrillte Seesterne und Skorpione.


Die meisten Pekinger essen so etwas selbst nicht.


In derselben Nacht musste er allerdings auffallend oft zur Toilette gehen.

Ich muss zugeben: Ein kleines bisschen Schadenfreude hatte ich schon.


Irgendwo in einem auf Alt getrimmten Gebäude wurde Fangshan (仿膳, fǎng shàn) – eine Küche, die Gerichte der ehemaligen Kaiserhöfe nachbildet. Die Kellnerinnen trugen Kostüme aus der Qing-Zeit und sprachen uns als „A-Ge“ und „Ge-Ge“ an. Für einen kurzen Moment funktionierte die Illusion erstaunlich gut.


Das Lustigste war allerdings: Unter uns war kein einziger echter Pekinger.

Deshalb organisierte die Gastuniversität für uns eine „typische Peking-Tour“.


Vier Uhr morgens aufstehen, um die Flaggenzeremonie am Tian’anmen zu sehen.Danach drei Stunden Busfahrt.


Dreissig Minuten Chinesische Mauer — zusammen mit tausenden anderen Touristen.Und anschliessend drei Stunden in einem Jadegeschäft.


Anschliessend verbrachten wir drei Stunden in einem Jadegeschäft. Der Besitzer erzählte eine lange Geschichte über seine schwierige Kindheit, seinen Erfolg und die Zwillingstöchter, die ausgerechnet heute Geburtstag hätten.

Viele kauften teure Jadeanhänger.

Ich nicht.

Ich war damals zu arm.

Erst später begriff ich, dass fast alle Touristen in China irgendwann dieselbe Reise erleben.


Und trotzdem erinnere ich mich erstaunlich gern daran.

Vielleicht auch deshalb, weil ich damals eigentlich gar nicht wusste, wie ich Peking sehen sollte.


Was mir geblieben ist, sind weniger die Sehenswürdigkeiten als die Menschen, die ich dort traf — und die später nach Singapur, Taipeh oder USA verschwanden.


3


Sechzehn Jahre später kam ich wieder nach Peking.

Diesmal nicht als Studentin, sondern mit meiner Familie.


In sechzehn Jahren kann viel passieren. Ich hatte inzwischen einige Bücher über Peking gelesen, Pekinger kennengelernt und unzählige Historienserien gesehen, die in den verschiedenen Dynastien der Stadt spielten.


Und Peking selbst hatte noch viel mehr erlebt.


Diese Stadt hat Machtwechsel kommen und gehen sehen. Entscheidungen, die das Schicksal Chinas veränderten – manchmal sogar das der ganzen Welt –, wurden hier getroffen.


Doch Peking selbst scheint all das gleichgültig zu betrachten.

Es liess alles geschehen: Feiern und Zeremonien, Liebe und Hass, manchmal auch Blut.

Am Ende jedes Jahres legt sich der Schnee über die Paläste. Er bedeckt die Spuren, schmilzt wieder, und sie verschwinden.


Menschen kommen und gehen. Dynastien entstehen und zerfallen. Die Welt verändert sich.

Peking bleibt.


沧海桑田,物是人非 (cāng hǎi sāng tián, wù shì rén fēi)

Aus Meeren wurden Felder, aus Feldern wieder Meere.Die Dinge bleiben.Die Menschen verändern sich.


Peking im Schnee
Peking im Schnee

Wir übernachteten in einem Hutong. Es war teuer und nicht wirklich angenehm.

Nicht weit entfernt tranken wir in der Brauerei „Beiping Machine“ Craftbier mit Oolong-Geschmack. Bei Sonnenaufgang assen wir Dim Sum in einem Wolkenkratzer, später Hunan-Küche in Sanlitun. Vieles davon hatte mit dem Peking meiner Vorstellung wenig zu tun.


Vielleicht gefiel es mir gerade deshalb.


Eine Wanderung entlang eines wilden Abschnitts der Grossen Mauer ist ein besonderes Erlebnis in Peking.
Eine Wanderung entlang eines wilden Abschnitts der Grossen Mauer ist ein besonderes Erlebnis in Peking.


Wir schauten den Sonnenuntergang über der Verbotenen Stadt vom Jingshan-Park aus an. Am Trommelturm beobachteten wir Pekinger und Ausländer beim Federballspielen. Wir wanderten auf einem wilden Abschnitt der Grossen Mauer, machten dort ein Picknick, ruderten auf dem Beihai-See und verloren uns stundenlang in den Hutongs.


Peking im Frühling
Peking im Frühling

Zum ersten Mal hatte ich nicht das Gefühl, Sehenswürdigkeiten abzuhaken.

Stattdessen begann ich, Beziehungen zu knüpfen – zu Peking, aber auch zu den vielen Welten, die in Peking nebeneinander existieren.


4


In vielen Städten gibt es kleine Tests, an denen man erkennt, ob jemand wirklich von dort ist.


Ein echter Zürcher badet im Sommer in der Limmat und verlässt die Stadt, sobald die Ferien beginnen.


Um das Peking der Pekinger kennenzulernen, fragte ich zwei Freunde. Beide hatten mehr als zehn Jahre in Peking gelebt. Der eine war geblieben, die andere hatte die Stadt inzwischen verlassen.


Eigentlich schien mir das ausreichend. Nach allem, was ich aus der Schweiz kenne, könnte man nach zehn Jahren Aufenthalt sogar die Einbürgerung beantragen.

Aber funktioniert das in Peking genauso?


Wer sind überhaupt die echten Pekinger?


Je länger ich darüber nachdachte, desto schwieriger wurde die Frage.

Peking umfasst mehr als 16'000 Quadratkilometer – fast vierzig Prozent der Fläche der Schweiz. Der Hutong-Bewohner am Trommelturm, der Programmierer in Haidian, der Bauer am Rand der Grossen Mauer und der Diplomat in Chaoyang leben alle in derselben Stadt.


Peking ist gigantisch. Die meisten Menschen leben ausserhalb des 2. Rings, der die geschützte Altstadt umschliesst.
Peking ist gigantisch. Die meisten Menschen leben ausserhalb des 2. Rings, der die geschützte Altstadt umschliesst.

Vielleicht gibt es deshalb nicht das Peking der Pekinger.

Und vielleicht auch nicht die Pekinger.


Meine beiden Freunde stammen ursprünglich nicht aus Peking. Trotzdem haben sie dort mehr als zehn Jahre ihres Lebens verbracht.


Deshalb fragte ich sie:

Warum seid ihr überhaupt nach Peking gegangen?

Die Antwort war überraschend unspektakulär.

Nicht wegen der Verbotenen Stadt.

Nicht wegen der Hutongs.

Nicht wegen der Geschichte.

Sondern wegen der Arbeit.

So einfach war das.

Und trotzdem mochten beide die Stadt.


Als ich fragte, was sie dort als Bewohner und nicht als Touristen machten, sprachen sie nicht nur über Restaurants, Konzerte oder Ausstellungen.


Sie sprachen auch über die Verbotene Stadt.

„Langweilig?“, sagte eine von ihnen. „Überhaupt nicht.“


Als sie jünger war, verbrachte sie viele Wochenenden allein in Peking. Sie streifte durch den Himmelstempel, den Erdtempel, den Sommerpalast oder die Verbotene Stadt und blieb manchmal den ganzen Tag.


Wer sich für Architektur, Design oder Geschichte interessiere, finde dort unendlich viele Details: Gebäude, Gärten, Gefässe, Geschichten. Man könne immer wieder zurückkehren und jedes Mal etwas Neues entdecken.


Erst danach erzählten sie von Theatern, Konzerten und Live-Houses. Von Museen. Von Parks, in denen Rentnerinnen und Rentner Chöre, Tanzgruppen oder Kalligrafie-Vereine gründen. Von spontanen Ausflügen in die Berge nördlich der Stadt oder langen Autofahrten bis in die Innere Mongolei.


Peking ist attraktiv, gerade weil die Stadt so gross ist.

Peking ist ein Ort voller verborgener Meister und stiller Grössen.


Die Rentnerinnen und Rentner, die im Park Federball spielen oder Kalligrafie üben, waren nicht selten ehemalige Professoren, Ingenieure, Künstler oder Beamte. Wenn hier ein Stein vom Himmel fällt, trifft er mit erstaunlicher Wahrscheinlichkeit jemanden, der in seinem Fachgebiet zu den Besten des Landes gehört.


In den Parks von Peking trifft man auf viele verborgene Meister.
In den Parks von Peking trifft man auf viele verborgene Meister.

Die Stadt vermittelt einem das Gefühl, näher am Zentrum der Dinge zu sein.


Aber genau dafür bezahlt man einen Preis.


In Peking scheint alles an einem Ort zu sein – die besten Universitäten, die wichtigsten Museen, die grössten Unternehmen. Und gleichzeitig ist alles erstaunlich weit voneinander entfernt.


Eine Freundin sagte einmal:

„Wenn du in Chaoyang wohnst, jemand anderes in Haidian und die dritte Person in Xicheng, braucht ihr manchmal länger, um einen Treffpunkt zu finden als für das eigentliche Treffen.“


In Peking gibt es noch eine andere Regel:

Wer bereit ist, von Shunyi nach Chaoyang zu fahren, um dich zu sehen, ist entweder verliebt oder ein Freund fürs Leben.

Alle lachten darüber.

Aber niemand widersprach.


Die Stadt ist gross genug, dass ein Besuch auf der anderen Seite Pekings schnell zu einem Halbtagesausflug wird.


Die langen Winter, die hohen Mieten und die endlosen Wege machten die Entscheidung nicht leichter.


Peking kann berauschend sein.

Aber es kann auch erschöpfen.


Vor etwa fünf Jahren verliess meine Freundin Peking.

Dabei hätte sie wahrscheinlich schon bald einen Pekinger Hukou erhalten können  – eine Art offizielles Stadtrecht, um das viele Zugezogene jahrelang kämpfen.

Stattdessen zog sie nach Shenzhen.


Dort, sagte sie, sei vieles einfacher. In Shenzhen heisst es: „Wer nach Shenzhen kommt, ist ein Shenzhener.“ So lautet ein bekannter Slogan der Stadt.

Sie kündigte ihren Job bei einem grossen Internetunternehmen und machte sich selbständig.


Mein anderer Freund blieb.

Er besitzt inzwischen einen Pekinger Hukou. Er hat eine Wohnung gekauft. Sein Kind wurde in Peking geboren.

Für ihn gibt es keinen Grund wegzugehen.

Peking ist sein Zuhause.


„此心安处是吾乡 (cǐ xīn ān chù shì wú xiāng)“, sagte er.

Wo das Herz zur Ruhe kommt, dort ist Heimat.


Vielleicht hat er recht.


Ich möchte immer noch nicht in Peking sterben.

In Peking möchte ich wahrscheinlich auch nicht leben.

Aber zurückkommen möchte ich ganz bestimmt.


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Weiterdenken

Ich schreibe regelmässig über China, die Schweiz, Reisen und die Perspektiven dazwischen. Wenn Sie solche Beobachtungen und Gedanken interessieren, freue ich mich, wenn Sie meinen Newsletter abonnieren.


Über die Autorin

Yuan Qin lebt zwischen China und der Schweiz und arbeitet an der Schnittstelle von Reisen, Bildung und kulturellem Austausch. Sie konzipiert Reisen und Programme zwischen China und der Schweiz und schreibt über Reisen, Alltag und gesellschaftliche Perspektiven im gegenwärtigen China.

 
 
 

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